Es sind ihre alten Systeme

Artikel der ZEIT über Pflegekinder

Es gibt Artikel, die helfen einem im besten Fall, das Leben anderer Menschen ein bisschen besser zu verstehen. Gestern bin ich bei Zeit online auf so einen Artikel gestoßen: Gerettet, so der vielleicht etwas plakativ geratene Titel. Der Artikel ist ursprünglich in der gedruckten ZEIT vom 23.12.15 erschienen, was wohl seinen leicht über-emotionalen Stil erklärt.

Alte Systeme und neue Bahnen

Autorin Sonja Hartwig berichtet über die Steinmühle, ein fränkisches Heim für traumatisierte Kinder und Jugendliche. Genauer beleuchtet wird – vorsichtig tastend – die Geschichte von Leo, die mit 12 in die Steinmühle kam. Vor allem aber erlaubt Hausmutter Gunda Fleischhauer mit großer Einfühlsamkeit einen Einblick in das Fühlen und Erleben traumatisierter Kinder, und zwar ohne sie bloßzustellen oder abzustempeln. „Es sind ihre alten Systeme. Systeme, die sie brauchten, um in ihrem Umfeld zu überleben. „, sagt Gunda, wenn eines ihrer Pflegekinder mal wieder „dumme Sachen macht“, wie Leo es ausdrückt.

„Wir versuchen mit traumatisierten Kindern neue Bahnen im Gehirn zu gehen, sagt Gunda, wir können das Alte nicht löschen, aber wir holen auf, was nicht gelebt werden konnte. Wir sammeln Äpfel, wir gehen ins Kino, fahren Schlitten, backen Muffins.“

Lieber die Augen offen halten

Mir ist beim Lesen mehr als nur einmal ein Schauer über den Rücken gelaufen. Auch unsere Tochter hat ihre „Systeme“, die zum Einsatz kommen, wenn sie von etwas überfordert ist, müde oder sonst wie nicht auf der Höhe. Und auch wir kennen die Situation, wenn ein Kind die Augen zum Schlafen lieber nicht zumachen mag. Der Artikel erinnert mich daran, wie weit wir schon gekommen sind – und wieviel Weg noch vor uns liegen mag.

Ein lesenswerter Artikel jedenfalls, dessen Inhalt über den stellenweise arg mitleidsheischend geratenen (Weihnachts-)Tonfall hinwegsehen lässt. Und der sich glücklicherweise dazu entschlossen hat, Türen zu öffnen, statt Schubladen zu schließen…

 

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